Die Renaissance des Machens: Handwerk als kulturelle Haltung
Wir haben eine lange Autofahrt hinter uns und beide Hunger. Als wir Ljubljana erreichen, hat der Regen gerade aufgehört. Das Studio tipoRenesansa liegt direkt am Flussufer, mitten in der Stadt. Schon beim Eintreten wird klar, worum es hier geht: Vorn lädt ein kleiner Laden mit handgedruckten Postern, Büchern und Karten zum Stöbern ein, hinten stapeln sich Setzkästen, Papierbögen und Werkzeuge bis unter die Decke. Ein leichter Geruch von Farbe und Holz liegt in der Luft. Alles wirkt gemütlich und einladend. Wir kochen uns Nudeln mit Tomaten, Auberginen und Kapern und setzen uns an den bunten Tisch in der Druckwerkstatt. Ein guter Ort, um anzukommen.
Als ich Marko Drpić treffe, habe ich das Gefühl, einem Menschen mit vielen Leben zu begegnen. Kalligraf, Steinbildhauer, Buchhändler, Drucker – und ein unermüdlicher Sucher nach Sinn und Form. Seine Liebe zum Buchdruck entdeckte er während seines Studiums der Germanisten Sprachwissenschaften. Marko lacht. »Ich war immer schon von Buchstaben fasziniert. Während ich all die alten Texte studierte, merkte ich, dass mich neben dem Inhalt auch der Buchstabe selbst interessierte – in all seiner Form und Vielfalt.«
Sein kalligrafisches und bildhauerisches Wissen erwarb Marko in Belgien bei Kristofel Boudens. ↘ 1 Kristoffel Boudens ist ein bekannter Schriftbildhauer, Kalligraf und Steinmetz aus Brügge, Belgien. »Solche Begegnungen eröffnen Perspektiven, die man vorher nicht einmal erahnt hat.« Fasziniert von der Welt der Buchstaben fing Marko an, alte Druckereibestände systematisch zu sammeln und Schritt für Schritt wieder aufzubauen. Was einst als persönliche Leidenschaft begann, entwickelte sich 2010 zu einer kulturellen Mission, als Ljubljana zur Weltstadt des Buches ↘ 2 Mit diesem Titel würdigt die UNESCO das besondere Engagement einer Stadt für Literatur, Lesen und buchkulturelle Initiativen. ernannt wurde. Heute ist weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt: Hierher kommen nicht nur Schulklassen, Studierende und Besuchende aus Ljubljana, sondern Menschen aus aller Welt.
Mit seiner Begeisterung für den Buchdruck ist Marko nicht allein – immer mehr Bewegungen und Werkstätten erwecken typografisches Handwerk zum Leben. Als Mitglied der Letterpress Workers ↘ 3 Letterpress Workers ist ein seit 2012 von der Officina Tipografica Novepunti organisiertes, kurzzeitiges Residenzprogramm, in dem sich Letterpress-Schaffende vernetzen. tauscht sich Marko regelmäßig mit Gleichgesinnten aus. Dennoch gibt es nur sehr wenige Menschen, die Druckbuchstaben noch mit traditionellen Verfahren aus Holz herstellen. Marko ist einer von ihnen. Sein Wissen über das Herstellen von Holzlettern hat er sich mühsam erarbeitet – durch Recherchen, Gespräche und unzählige Versuche. Die Motivation dazu entstand aus einer praktischen Notwendigkeit: Alte Setzkästen mit Plakatschriften sind selten vollständig, und bei häufiger Nutzung verschleißen die Lettern schnell. »Ich habe nach Möglichkeiten gesucht, sie zu ersetzen. Dafür bin ich anfangs viel gereist, vor allem in die USA. Dort gibt es eine lebendige Kultur des Drucks mit Plakatschriften.« ↘ 4 Zwischen dem späten 19. Jahrhundert und der Mitte des 20. Jahrhunderts erlebte die amerikanische Letterpress- und Plakatkultur ihre Blütezeit, als Werbung und politische Kampagnen massenhaft großformatige Drucke nutzten.
Stolz führt mich Marko in einen Nebenraum und deutet auf sein Holzlager. Seine Arbeit an neuen Lettern beginnt mit ganzen Baumscheiben und einem langen Trocknungsprozess. Für die Herstellung benötigt er Stirnholz – in den nötigen Größen kaum anders zu bekommen. Nach dem Trocknen folgt das Schleifen auf die genormte typografische Höhe. ↘ 5 Die typografische Höhe bezeichnet im Buchdruck die physische Höhe des Schriftkegels einschließlich der Druckfläche. In Mitteleuropa beträgt sie 23,56 mm und bildet damit das genormte Maß, das eine präzise Abstimmung von Bleisatzmaterial, Holztypen und Druckmaschinen ermöglicht. Andere Druckregionen der Welt verwenden leicht abweichende typografische Höhen, was eine direkte Kombination ihrer Materialien erschwert. »Ich arbeite im Toleranzbereich von 0,002 Millimetern«, kommentiert Marko beiläufig. Dann erst ist das Holz bereit für den Holzschnitt.
„Das Nachschneiden von Lettern ist eine gute Übung fürs Auge – auch für Studierende.“ Zunächst wird das vorhandene Alphabet gedruckt und digitalisiert, fehlende Buchstabenformen werden dann aus der Formlogik der gesamten Schriftfamilie abgeleitet. Aus den digitalen Vektordaten entsteht die Matrix, die als mechanische Schablone dient. Mit seinem Pantografen
fährt Marko die Kontur der Originalform nach. Am Ende des Pantografen sitzt eine kleine Holzfräse und trägt präzise Material aus dem frischen Holz ab. Durch die proportional gesteuerte Führung können Holzformen skaliert oder vervielfältigt werden, was besonders in der Holzletternproduktion für Plakate im 19. und frühen 20. Jahrhundert eingesetzt wurde. Für die kleinsten Innenräume und spitz zulaufenden Formen ist anschließend wieder Handarbeit gefragt.
Sicher wäre es einfacher und schneller, die Buchstaben digital fräsen oder lasern zu lassen. Doch das kommt für Marko nicht infrage. »Die Übersetzung von Bewegung, Geste und Arm ist entscheidend«, betont er. Sie macht das Handwerk zu einem Dialog zwischen Körper und Material. In einer Zeit, in der vieles abstrakt und von jeder physischen Erfahrung gelöst erscheint, zeugt Markos Arbeit von einer inneren Haltung, die Verbundenheit sucht und Sinn hervorbringt.
Über die Jahre hat Marko sein Verfahren perfektioniert. Sein Wissen und seine Präzision haben sich herumgesprochen: Anfragen erreichen ihn inzwischen aus aller Welt. Auch die Stadtpolitik hat die Bedeutung dieses Kulturerbes erkannt: tipoRenesansa besitzt den Status einer schützenswerten Einrichtung in Ljubljana. Handwerk bedeutet hier nicht nur die Wiederholung alter Verfahren. Es ist eine bewusste Entscheidung für das Machen.
Als ich hinaustrete und die frische Abendluft einatme, legt sich ein leuchtender Schimmer über den Fluss. Die Geschichten, die Marko auf diese Weise weiterträgt, klingen noch lange in mir nach. Danke für diese gemeinsame Reise.