Höchste Veredelung: Gedruckte Perfektion
Besuch in der Infinitive Factory in Graz, Österreich
geschrieben von Christina Poth
In Graz, direkt am Ufer des Flusses, liegt die Infinitive Factory. Tritt man durch das große Tor in den sonnigen Innenhof, vergisst man schnell, dass man sich mitten in der Stadt befindet. Alte Gewölbe eines Jahrhundertbaus öffnen sich zu einer Werkstatt, in der traditionelle Buchdrucktechniken auf hochpräzise, digital verknüpfte Verfahren treffen.
Wir sind umgeben von einer beeindruckenden Mustersammlung: Visitenkarten, Postkarten und aufwendig gefertigte Verpackungen stapeln sich vor uns. Neben mir sitzt Christian Ursnik, Gründer und Geschäftsführer der Infinitive Factory, die sich auf hochwertige Drucksachen spezialisiert hat. Er trägt ein schwarzes T-Shirt, eine silberne Brillenfassung, dunkles Haar. Satte Druckfarben und glänzende Veredelungen leuchten neben ihm um die Wette. Immer wieder reicht er mir neue Beispiele aus aktuellen Projekten. Samtige Karten mit farbigen Schnittkanten, erhabene Schrift auf schweren Papieren und detailreiche Prägungen wandern durch meine Hände. »Meist legen die Menschen, die herkommen, die Druckbeispiele nicht mehr aus der Hand. Das ist der Zauber unserer Produkte.« Meine Finger streichen über eine filigrane Schachtel und ertasten die feinen Erhebungen des Foliendrucks. Chris schmunzelt.
In einer Zeit, in der wir ständig über glatte Smartphone-Bildschirme wischen, freuen sich die Fingerkuppen über diesen haptischen Spaziergang.
Alles begann 2012. Nach vielen Jahren in der Designbranche wandte sich Chris verstärkt dem traditionellen Handwerk zu und investierte gemeinsam mit einem Freund in eine alte Heidelberger Tiegelpresse. Es dauerte eine Weile, bis die Maschine wieder lief – Fachleute, die solche Geräte reparieren und bedienen können, sind selten geworden. Erst mit Unterstützung einer befreundeten Druckerei gelang es, die Presse wieder in Betrieb zu nehmen.
Heute, rund 15 Jahre später, hat sich das Unternehmen mit hochwertigen Veredelungstechniken einen Namen gemacht. Die Druckanfragen kommen überwiegend von kleinen bis mittleren Designstudios mit hohen gestalterischen Ansprüchen. Große Agenturen mit Aufträgen in hohen Stückzahlen sind seltener vertreten – nicht zuletzt, weil die Produktion aufwendig ist und meist in kleineren Auflagen erfolgt. Dafür wird hier alles geboten, was anspruchsvolle Drucksachen benötigen: vom exakt auf das Verfahren abgestimmten Design bis hin zur finalen Veredelung. Vieles geschieht in Handarbeit, Auflagen im fünfstelligen Bereich sind die Ausnahme. Während andere Zweige der Druckindustrie rückläufig sind, bleibt das Volumen hier stabil. ↘ 1 Über mehrere Jahrzehnte hat sich die Druckbranche von einer eher volumengetriebenen Industrie zu einem Markt mit weniger, dafür spezialisierteren und hochwertigeren Aufträgen entwickelt.
Es wird insgesamt weniger, dafür hochwertiger gedruckt.
Der Erfolg gibt dem Unternehmen recht. Was mit einer einzigen Tiegelpresse begann, ist inzwischen zu einem Betrieb mit mehreren Mitarbeitenden gewachsen. Der vordere Bereich wirkt mit seinen inselförmig angeordneten Tischen, Bildschirmen und der kleinen Sitzecke fast wie eine klassische Designagentur. Hier werden Projekte geplant, kalkuliert und Produktionsdaten für kommende Aufträge vorbereitet. Dahinter beginnt die eigentliche Werkstatt.
Gespannt folge ich Chris. Gleich am Eingang reihen sich schmale Folienrollen in allen erdenklichen Farben. »Für die Heißfolienprägung«, erklärt er. Ich werfe kurz einen Blick in das Papierlager und trete dann in die Werkstatt. Ein gleichmäßiges Zischen, Surren und Klacken erfüllt den Raum. Vier originale Heidelberger Druckmaschinen aus den 1950er- und 60er-Jahren arbeiten parallel: Sie drucken, stanzen, prägen, rillen und perforieren. Trotz ihres Alters sind sie in moderne, digitale Workflows eingebunden.
Ich beobachte die eingespielten Abläufe. Chris bewegt sich routiniert, aber aufmerksam durch die Werkstatt. Mittlerweile kennt er jede Maschine in- und auswendig, erkennt am Klang, ob alles rund läuft oder ob er eingreifen muss. Während er zwei Pressen gleichzeitig im Blick behält, schlägt Mila mir vor, gemeinsam eine dritte Maschine einzurichten. Neben ihrer Mitarbeit in der Werkstatt, macht die junge Designerin gerade ihren Masterabschluss. Mit geübten Handgriffen montiert sie die Druckform für eine Visitenkarte auf eine Trägerplatte. Das Klischee dazu wurde aus digitalen Daten gefertigt.
Der Entwurf sieht feine, helle Schrift auf schwarzem Karton vor. Kleinste Schriftgrößen von nur sechs bis sieben Punkt sind hier drucktechnisch möglich, selbst deckendes Weiß auf dunklem Untergrund lässt sich so realisieren. Mit Hitze und Druck presst die beheizte Presse das Motiv präzise in die Folie und legt hauchdünne weiße Buchstaben auf das Papier, die sich leicht erhaben abzeichnen. Doch die feinen Linien und filigranen Zeichen, insbesondere das @-Symbol, bewegen sich an der Grenze des Machbaren und erfordern immer wieder neue Anpassungen von Temperatur und Druck. Präzision und Geduld sind entscheidend, bis nach mehreren Probedrucken und sorgfältigen Korrekturen schließlich alles exakt sitzt.
Während der Produktion bleibt vieles Handarbeit: Auch Chris steht an der Maschine, greift regelmäßig in den Stapel frisch gedruckter Karten und prüft sorgfältig den Stand der Prägung. Am Ende wird deutlich, worin die eigentliche Stärke der Infinitive Factory liegt: in der kompromisslosen Präzision. Jeder Handgriff sitzt, jede Einstellung wird überprüft, jede Abweichung sofort korrigiert. Automatisierung endet hier, wo Qualität beginnt. In der Verknüpfung mit digitalen Prozessen entfalten die traditionellen Pressen ihre heutige Relevanz. Sie ermöglichen haptische Qualitäten, die anders kaum erreichbar wären. Meine Hände streichen über den sorgfältig abgelegten Stoß Karten. Danke für diesen Spaziergang.